Feuerwerk

Von der Magersucht zur Feuerwehr: Was unser Körper alles kann!

Vor ziemlich genau 5 Jahren befand ich mich mit 20kg weniger auf den Rippen in einer Akutklinik zur Behandlung meiner Anorexie. Gestern war der zweite Tag der Atemschutzgeräteträger der Freiwilligen Feuerwehr, der ich sein gut einem Jahr angehöre.

Unterschiedlich hätten diese beiden Tage nicht sein können.

Vor fünf Jahren: körperlich und seelisch geschwächt mit Willen zur Genesung

Wie bereits erwähnt, befand ich mich 2012 viereinhalb Monate lang in einer Akutklinik zur Behandlung meiner Magersucht. Einen typischen Tag dort habe ich in diesem Artikel beschrieben.

Kurz zusammengefasst: ich habe meine persönliche Meinung aufgegeben und fand, dass das Klinikpersonal besser weiß, was gut für mich ist, als ich selbst. Mein Tag war aufgrund der festen Esszeiten durchgeplant und von diesem Plan wurde nie abgewichen.

Ausgangszeiten, um das Krankenhaus für ein paar Minuten verlassen zu dürfen, erkämpfte ich mir durch das Erfüllen der Essverträge. Insgesamt musste ich mir alle Privilegien verdienen. Dazu gehörten alle möglichen Behandlungen (Psychotherapie, Bewegungstherapie, Maltherapie, Gesprächsrunden), Ausgang und ein kleines bisschen Flexibilität beim Essplan.

Ich war körperlich geschwächt und wäre somit wahrscheinlich nicht einmal in der Lage gewesen, meinen Koffer die Treppe hoch zu tragen. Darum durfte ich mich nicht viel bewegen und wurde anfangs im Rollstuhl zu Behandlungen in anderen Krankenhausstationen gefahren.

Meine Zielstrebigkeit habe ich trotz allem nicht verloren. Ich hielt mich an die Vereinbarung und Essverträge, um möglichst schnell wieder gesund zu werden.

Gestern: Atemschutzgeräteträger-Lehrgang bei der Freiwilligen Feuerwehr

Mein gestriger Tag sah etwas anders aus. Um 6:00 Uhr musste ich aufstehen, da um 8:00 Uhr der Lehrgang begann. Ich startete mir ein paar Dehnübungen in den Tag, die von einem reichhaltigen, aber HPU-legitimen (kein Getreide, keine Milch), vitaminreichen Frühstück: Obstsalat mit Kokosjogurt und Cornflakes.

Dann fuhr ich zur Feuerwache, wo der Lehrgang stattfand. Dies war bereits unser zweiter von drei Ausbildungssamstagen für den Atemschutzgeräteträgerlehrgang. Wir begannen mit zwei Stunden Theorie. Danach ging es mit Übungen unter Atemschutz weiter, so dass ich mich vorher noch fix mit einer Banane stärkte.

Dann ging es auch schon los. Als erstes stieg ich mit voller Ausrüstung (Schutzhose und -jacke, Stiefel, Handschuhe, Helm, Maske, und einem Pressluftatmer auf dem Rücken) auf einer Leiter bis ins zweite Obergeschoss und wieder zurück.

Danach stand für mich die Atemschutzbelastungsübung an. Dabei absolvierte ich drei Runden á zwei Geräte (in meinem Fall 1:15 min Laufband bei 6km/h und 12m Endlosleiter) und jeweils einer Runde durche die Atemschutzstrecke (Laufen, Kriechen, Schrägen hoch und runter, durch Türen, Falltüren und Röhren) mit einer Luftflasche (6 Liter, 300 bar).

Das war wirklich anstrengend. Ich bin diese Strecke zuvor schon ohne Pressluftatmer gegangen und fand es in Ordnung. Aber es ist wirklich beeindruckend, wie viel schwerer diese Übungen mit einer zusätzlichen Last auf dem Rücken ist. Noch beeindruckender fand ich jedoch, dass ich es schaffte und dabei noch fast 1/3 meiner Atemluft übrig hatte. Wie viel Wasser ich danach brauchte, um meinen Flüssigkeitshaushalt wiederherzustellen, könnt ihr euch sicher vorstellen (wir haben wortwörtlich geschwitzt wie die Schweine 😉 ).

Nach einer Mittagspause, wo ich mein mitgebrachtes HPUler-Mittagessen fast komplett verdrückte (Hähnchen-Curry  mit Gemüse, Kokosmilch und Reis) – und das fast auch nur, um bei den nachfolgenden Übugnen nicht zu überfressen zu sein – ging es mit der nächsten Übung weiter.

Ich schleppte mit voller Ausrüstung einen Schlauchtragekorb und eine Axt in das sechte Obergeschoss des Schlauchturms und wieder nach unten. Auch das war wirklich anstrengend, was wir am hohen Luftverbrauch in der relativ kurzen Zeit des Schleppens sahen.

Der Ausbildungstag endete für mich mit einem Atemschutznotfalltraining, wo wir blind einen „verunglückten“ Atemschutzgeräteträger finden mussten und dann seine Luftflasche wechselten.

Nach einer kurzen Nachbesprechung fuhr ich k.o., aber zufrieden nach Hause und verdrückte erst einmal den Rest meines Mittagessens.

Abends grillte ich dann mit meinem Mann, um meine verbrauchte Energie wiederaufzufüllen. Trotzdem benötigte ich, wie immer, meine abendliche Schokolade, um dann glücklich und zufrieden einschlafen zu können.

Heute, ein Tag später, wachte ich mit ordentlichen Muskelschmerzen am ganzen Körper auf. Ich bin total erschöpft, grinse aber immernoch im Kreis.

Das Potential unseres Körpers

Ist es nicht erstaunlich, was unser Körper alles leisten kann? Er kann sich von einer Anorexie erholen und schafft es dann sogar so einen anstrengenden Tag erfolgreich zu meistern. Ich finde das wirklich beeindruckend und bin sehr stolz auf mich und meinen Körper, weil wir das so gut hinbekommen haben.

Ich habe sehr viel Spaß bei der Feuerwehr und es ist für mich der perfekte Ausgleich für meinen Bürojob, da ich mich bewegen kann, aber dies kein explizites Workout ist, was ich mache, um mehr essen zu „dürfen“.

Eher im Gegenteil, ich darf aktuell sogar explizit darauf achten (Stichwort: Achtsamkeit), genug zu essen, um meine verbrauchte Energie wieder aufzufüllen.

Gewichtstechnisch halte ich mich aktuell intuitiv. Zwischenzeitlich hatte ich ein ca. 5kg höheres Gewicht als jetzt, was mein Körper wohl zur Regeneration gebraucht hat.

Ich bin zufrieden mit mir, auch wenn ich keinen perfekten Modelkörper habe und es natürlich immer noch Stellen gibt, die mir nicht so gut gefallen. Aber auch das akzeptiere ich gern.

Hey, mein Körper schafft es, eine Atemschutzbelastungsübung solide zu bestehen, da werde ich doch ganz bestimmt nicht über mein Aussehen klagen. Ich bin quasi fit wie ein Turnschuh – was will ich mehr?

Fazit

Allen, die noch mit einer Essstörung kämpfen, möchte ich mit dieser Geschichte ermutigen, weiterzukämpfen.

Alle, die noch nicht kämpfen, möchte ich bitten, damit anzufangen!

Es lohnt sich! Ihr könnt wieder vollständig genesen! Ihr werdet es schaffen! Wenn ihr nur anfangt zu kämpfen.

Und danach werdet ihr in der Lage sein, Dinge zu bewerkstelligen, die ihr aktuell nicht für möglich haltet.

Kämpft! Es lohnt sich! Ihr werdet es schaffen, wenn ihr genug Willenskraft aufbringt! Beißt euch durch!

Ich wünsche euch dafür viel Kraft!

Alle, die jemanden kennen, der gerade (oder noch nicht) kämpft, möchte ich bitten, denjenigen/diejenige dazu zu ermutigen. Erzählt ihnen, was alles möglich ist. Unterstützt ihn oder sie!

Und alle, die gar nichts mit Essstörungen zu tun haben, kann meine Geschichte eine Erinnerung daran sein, dass man die Geschichte von anderen Personen nicht kennt. Einer hatte nie gesundheitliche Probleme und ist top fit, ein anderer musste sich dies hart erarbeiten. Beide verdienen den gleichen Respekt!

Ich habe mir für das Jahr 2017 vorgenommen, eine (freiwillige) Feuerwehrfrau zu werden und Silvester 2017 am Dienst auf meiner Feuerwache teilzunehmen. Wenn ich nächste Woche die Atemschutzgeräteträger-Prüfung bestehe, bin ich diesem Ziel sehr nahe. Ein tolles Gefühl, wenn man die Dinge, die man sich vornimmt und so sehr wünscht, erreichen kann!

Nun bin ich natürlich auf eure Erfahrungen gespannt. Wo befindet ihr euch gerade? Kämpft ihr schon oder noch? Habt ihr auch eine Transformation eures Körpers nach einer Krankheit erlebt?

 

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