Karge Pflanze

Das Minnesota Starvation Experiment – das passiert mit unserem Körper, wenn wir eine Diät machen

„So nimmst du 10kg in 7 Tagen ab!“

„Saftfasten leicht gemacht“

„Mit Produkt XYZ haben Sie nie wieder Hunger!“

So schnell geht der Einstieg in eine neue Diät. Doch sobald diese beendet ist, isst man wieder normal (oder kompensiert das Defizit) und das Gewicht ist höher als zuvor. Und noch schneller ist man in der nächsten Diät und der Teufelskreis beginnt.

Woran liegt die hohe Misserfolgsquote von Diäten? Was passiert mit unserem Körper und unserer Seele, wenn wir weniger Energie zu uns nehmen, als wir benötigen? Damit hat sich unter anderem das Minnesota Starvation Experiment beschäftigt, über das ich heute schreibe.

Gründe und Ziele

Das Experiment wurde 1944-1945 von amerikanischen Ernährungswissenschaftler Ancel Benjamin Keys (21.01.1904 – 20.11.2004) durchgeführt. Auf Grund des zweiten Weltkrieges fürchtete man eine große Hungernot. Ziel des Experiments war es, mehr über die Reaktion des menschlichen Körpers auf eine Hungersnot und seine Regeneration herauszufinden, sowie mögliche Lösungen aufzuzeigen.

Es nahmen 36 weiße, körperlich und psychisch gesunde Männer zwischen 22 und 33 Jahren am Experiment teil, jedoch beendeten nur 32 Männer dieses. Für die Teilnahme bewarben sich 400 Männer, aus denen die gesündesten und am motiviertesten herausgesucht wurden.

Der Ablauf

Das Experiment fand vom 19. November 1944 bis zum 20. Dezember 1945, als über einen Zeitraum von ca. einem Jahr statt. Es bestand aus einem Kontrollzeitraum, der eigentlichen Testphase (Hungerperiode) und der Wiederauffütterung (Refeeding).

Kontrollzeitraum

Der zwölfwöchige Kontrollzeitraum diente dazu, die Männer und ihre Gewohnheiten kennenzulernen und sie zu ihrem idealem Körpergewicht (Set-Point) zu bringen.

Keys fand heraus, dass die Männer täglich durchschnittlich 3200kcal aßen.

Hungerperiode

Während der Hungerphase, welche 24 Wochen andauerte, durften die Testpersonen nur noch ca. 1570kcal täglich essen. Dies ist eine Halbierung ihrer Kalorienzufuhr, was dem Diätansatz „Friss die Hälfte („FDH“) entspricht.

Außerdem mussten die Probanten wöchentlich 36km laufen und 15 Stunden im Labor arbeiten. Ihr Körpergewicht sollte um 15-20% reduziert werden.

Wiederauffütterung

Die letzten drei Monate des Experiments wurden damit verbracht, die Probanten wieder an normale Essmengen zu gewöhnen. Die Probanten erhielten eine unterschiedliche erhöhte Kalorienzufuhr von 400, 800, 1200 und 1600kcal, um die Unterschiede festzustellen. Außerdem erhielten manche nach dem Zufallsprinzip Vitamine und Protein.

Im Anschluss daran wurden die Probanten noch über einen Zeitraum von einem Jahr beobachtet, um die Auswirkungen des Experiments zu beobachten. In dieser Zeit aßen die Probanten nach eigenem Hungerempfinden. Es gab keinerlei Restriktionen mehr.

Ergebnisse

Körperliche Veränderungen

Die Probanten verloren während der Hungerperiode fast 25% ihrer Körpergewichts. An Oberarmen und Oberschenkeln reduzierte sich ihr Muskelumfang signifikant (insgesamt um 40%!!). Ihr Körperfettanteil sank um 70%. Entsprechend der Abnahme der Muskelmasse verlangsamte ihr Energieverbrauch bzw. ihre Stoffwechselrate in Ruhe („Basal Metabolic Rate“, BMR) deutlich (um 40% am Ende der Hungerperiode).

Das Herzvolumen sank um 25% und der ihr Puls verlangsamte sich stark. Die Probanten hatten eine erniedrigte Körpertemperatur und froren auffällig oft. Ihre Arbeitskapazität und Kraft war um 20% vermindert.

Das Haar der Probanten wurde dünner oder fiel aus. Es traten Schwindelgefühle auf.  Die Hodengröße und sexuelle Funktionsfähigkeit sank. Ihre Haut wurde suppig, trocken, blass und rauh. Optische und auch verhaltensmäßige Alterserscheinungen traten auf.

Psychische Veränderungen

Folgende psychische Symptome traten bei den Probanten auf:

  • Depressionen
  • Apathie
  • geringere Reizschwelle und schlechte Laune
  • schnellere Müdigkeit
  • Libidoverlust
  • Verringerung/Einschränkung der Konzentrations- und Urteilsfähigkeit
  • äußerliche Verwahrlosung, weniger Körperpflege und Reinheit
  • teileweise Entwicklung von Profilneurosen und Charakterneurosen
  • beginnende Psychosen in zwei Fällen mit hysterischen Zügen
  • Ängstlichkeit und Nervosität
  • Dysmorphophobie (verschobenes Körperbild, d.h. sich dick fühlen, obwohl man sehr dünn ist)

(http://www.minnesota-experiment.de/veraenderungen-der-persoenlichkeit.shtml)

Veränderungen des Essverhaltens

Da die Probanten nur so wenig essen durften, gab es größe Veränderungen ihres Essverhaltens. Insgesamt stieg das Interesse am Essen. Das Unterbewusstsein beschäftigt sich mehr mit dem Verbotenen oder eingeschränkten. Einige Probanten sammelten Rezepte. Bei vielen nahm die Anzahl an Speisen, die sie nicht mochten, ab.

Das Essen der Probanten war ihnen heilig und wurde verteidigt. Die Mahlzeiten wurden, je länger das Experiment andauerte, immer langsamer verspeist, was gegen Ende schon fast zur Trödelei wurde. Die Teller wurden immer komplett leer gegessen und meist sogar abgeleckt.

Außerdem traten Ersatzaktivitäten auf. So wurde sehr viel Kaugummi gekaut. Auch der Zigaretenkonsum stieg an – manche Männer begannen im Rahmen des Experiments sogar mit dem Rauchen.

Zwei Männer brachen das Experiment ab und zwei weitere wurden von dem Experiment ausgeschlossen. Einer von ihnen stahl Eis, Milch und Steckrüben und ein anderer aß regelmäßig Essensreste aus Mülltonnen.

Verhalten bei der Wiederauffütterung

Insgesamt fühlten sich die Männer immer noch körperlich schlecht und erholten sich nur langsam. Keiner der Männer konnte sein Gewicht im Zeitraum der Wiederauffütterung normalisieren, egal wie stark der Kalorienzufuhr erhöht wurde. Insbesondere die Gruppe mit sehr geringer Kalorienerhöhung verspürte kaum Verbesserungen im  eigenen Körperempfinden. Auch die zusätzlich gegebenen Proteine und Vitamine beeinflussten dieses Empfinden nicht.

Stimmung

Während der ersten sechs Wochen zeigte sich noch eine depressive, aber auch aggresive Stimmung bei den Probanten. Es kam oft zu Streitereien und der Zweck des Experiments, sowie die Fähigkeit der Forscher wurde stark angezweifelt.

Hunger und Sättigung

Nach zwölf Wochen der Wiederauffütterung hatten die Testpersonen starken Appetit und konnten trotz eintretender Sättigungsgefühle kaum mit dem Essen aufhören. Das Ablecken der Teller war keine Seltenheit, obwohl das Essen nun nicht mehr beschränkt wurde.

Während der nicht-kalorienbeschränkten Wiederauffütterung aßen die Probanten zwischen 4400 und 10.000kcal (durchschnittlich 5200kcal) pro Tag.

Fett- und Muskelmasse

Sie nahmen deutlich an Fettgewebe zu. Nach zwölf Wochen hatten sie ungefähr die gleiche Menge an Körperfett wie vor dem Experiment, obwohl sie nur halb so viel wogen. Die Regeneration der Muskelmasse dauerte also deutlich länger. Das sieht man auch daran, dass der Bauchumfang im Vergleicht zu den Gliedmaßen doppelt so schnell zu, was unförmig wirkte.

Nach acht Monaten hatten die Probanten wieder ungefähr so viel fettfreie Masse wie vor dem Experiment, aber ihr Fett im Bauchbereich war 40% höher als zuvor. Dann begann ihr Körperfettanteil wieder zu sinken, auch wenn die Männer weiterhin aßen, bis sie satt waren. Nach 46 Wochen uneigeschränkter Nahrungszufuhr waren Gewicht und Körperfettanteil der Probanten wieder auf dem gleichen Niveau wie vor dem Exeriment.

Erkenntnisse

Zuerst muss man feststellen, dass eine radikale Diät wie „Friss die Hälfte“ (FDH) dem Körper schadet und daher absolut nicht zu empfehlen ist. Als Folgen können körperliche Schäden eintreten und  langfristig auch das, was man mit der Diät nicht bezweckt, nämlich eine Gewichtszunahme.

Oft wird dann die nächste Diät begonnen und es kommst zum so genannten Jojo-Effekt. Der Grund hierfür ist die Erhöhung des idealen Körpergewichts (Set-Points), da der Körper sich auf Grund der vergangenen Hungerperiode auf die nächste vorbereitet. Dafür baut er Reserven auf.

Spannend ist aber auch, dass die Probanten nach einem längeren Zeitraum wieder bei ihrem Ausgangsgewicht waren. Auch das ist ein Ergebnis des Set-Points, der sich, vorausgesetzt man gibt ihm genug Zeit und dem Körper genug Energie, wieder normalisiert.

Interessant ist  dass die körperlichen, wie auch psychischen Symptome der Probanten auch bei Menschen mit Essstörungen und Personen, die dauerhaft eine Diät machen auftreten. Für diese Menschen zeigt das Experiment, dass die Symptome auf das andauernde Energiedefizit zurückzuführen sind und nach entsprechender Energiezufuhr (Wiederauffütterung) von allein wieder verschwinden.

Keys stellte fest, dass eine Hungerperiode langfristig keine Auswirkungen auf den Körper hat, solange nach der Hungerperiode genügend Energie zugeführt wird, um das Defizit wieder auszugleichen. Unser Körper ist einfach ein Wunder, oder? Das bedeutet nämlich auch, dass die vollständige Heilung von Essstörungen möglich ist!

Auch der extreme Hunger, den Untergewichtige verspüren, sobald wie wieder normal essen, kommt im Experiment vor. Die Probanten aßen teilweise über 10.000 kcal an einem Tag und fühlten sich trotzdem noch nicht satt. Die Hunger- und Sättigungssignale sind außer Kontrolle geraten. Es liegt also nicht an mangelnder Willenskraft, dass eine Diät nicht durchgehalten werden kann. Vielmehr liegt es an unserem natürlichen Instinkt, nach einer Hungerperiode mehr zu essen, um das Energiedefizit wieder auszugleichen.

Außerdem benötigt der Körper sehr viel Energie, um sich von der Hungerperiode wieder zu erholen. Das sieht man daran, dass die Männer, deren Kalorienzufuhr während der Wiederauffütterung nur um 400kcal erhöht wurde, kaum Verbesserungen verspürten. Keys stellte fest, dass für die Regeneration des Körpers nach einer Hungerperiode 4000kcal pro Tag nötig sind.

Dass das Thema „Essen“ während des Hungerns die höchste Priorität bekommt, ist auch logisch, da der Körper alles versucht, damit man mehr Energie zu sich nimmt. So erklärt sich auch das übermäßige Beschäftigen mit dem Essen. Je mehr die Energiezufuhr gedrosselt wird, desto mehr „wehrt“ sich der Körper und das Essen ist mehr in den Gedanken der Betroffenen als je zuvor.

Die verringerte Stoffwechselrate zeigt, wie gut der Körper in der Lage ist, sich un veränderte Lebensumstände anzupassen. Wenn ihm auf Grund einer Hungerperiode (Diät) weniger Energie zu Verfügung steht, werden Prozesse im Körper verlangsamt und zum Überleben nicht benötigte verhindert (z.B. Reproduktion). Alle verfügbare Energie soll nur zum Überleben genutzt werden. Dies nennt man adaptive Thermogenese oder auch Hunger-Modus („Starvation Mode“).

Die Höhe der gesteigerten Kalorienzufuhr nach der Hungerperiode spielt offensichtlich eine große Rolle für den Regenerationsprozess. Je stärker die Kalorienzufuhr der Probanten erhöht wurde, desto schneller erhöhte und normalisierte sich ihre Stoffwechselrate in Ruhe.

Ein wichtiger Fakt des Experiments ist, dass die Männer vor dem Experiment physisch und psychisch vollkommen gesund waren. Erst während der Hungerperiode traten physische und psychische Symptome auf und die Männer verloren die Kontrolle über ihr Essverhalten. Das könnte darauf hindeuten, dass Essstörungen gar keine psychischen Erkrankungen sind, sondern dass die psychischen Probleme als Nebenwirkungen des Hungerns (sprich: Diäten) auftreten, da das Gehirn mangelernährt ist.

Fazit

Das Minnesota (Starvation) Experiment zeigt die physischen und psychischen Auswirkungen von länger andauernden Hungerperioden (was dem Durchführen von Diäten entspricht) und einer darauffolgenden Wiederauffütterung auf den Menschlichen Körper.

Während der Hungerphase litten die Probanten an Symptomen, die uns auch Menschen mit Essstörungen bekannt sind, was darauf hindeutet, dass die psychischen Probleme nicht die Ursache, sondern die Folge des Hungerns sind.

Während der Wiederauffütterungsphase spielte die Menge der Kalorienerhöhung einer sehr große Rolle im Genesungsprozess. Die Probanten sehr starken Hunger und aßen an einem oft ein Vielfaches von dem, was sie vor der Hungerperiode gegessen hatten.

Anfangs nahmen sie an Gewicht, insbesondere Körperfett zu. Je länger sie nach dem Ende des Experiments nach Hunger und Lust aßen, desto mehr nährte sich ihre Körperkomposition wieder an die vor dem Experiment an. Dies ist ein positives Ergebnis des Experiments, da es zeigt, dass eine vollständige Genesung nach einer Hungerperiode (also auch Diät und Essstörung) möglich ist, solange keinerlei Kalorien- oder Nahrungsmittelrestriktion mehr vorliegt.

Quellen:

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