Genesungsprozess? Wenn dann richtig! Ergänzungen zu „Pseudogenesen“ und ein Abstecher in die Orthorexie

Ich habe gestern einen Eintrag darüber veröffentlicht, dass ich glaube, pseudogenesen zu sein. Ich habe mir vorgenommen, im Rahmen meiner HPU-Erkrankung (kein Weizen und keine Kuhmilch) mich nicht mehr zu restriktieren.

Über Nacht ist mir klar geworden: So wird das nichts. Wenn ich nach wie vor kein Weizen und keine Kuhmilchprodukte essen darf, ist das nach wie vor Restriktion. So werde ich nie vollständig genesen!

Restriktionen über Restriktionen

Ich werde nie  das essen können, worauf ich Lust habe, weil ich immer darauf achten muss, dass es kein Weizen und keine Kuhmilch enthält. Ich kann nie mit einer Freundin unbeschwert Kuchen essen gehen oder mit meinen Kollegen eine Pizza. Ich werde nie auf Reisen an der Tankstelle ein belegtes Brötchen essen können.

Doch was tue ich stattdessen? Ich schaue, ob das Café gluten- und milchfreie Kuchen anbietet bzw. ich gehe nur zu solchen Cafés, die es tun. Statt Pizza esse ich Salat oder ich bereite mir mein Mittagessen vor.

Der Stress-Faktor

Das alles ist sehr zeitaufwändig. Ich empfinde es sogar als stressig. Ich muss viel recherchieren und planen. Wo gibt es Cafés und Restaurants, wo ich etwas finde? Kommen meine Freundin oder Kollegen dort mit hin? Was mache ich mir zum Essen für die Arbeit? Was sagen die Kollegen, wenn ich nichts vom Kuchen esse, den das Geburtstagskind an diesem Tag mitgebracht hat?

Manchen Menschen mag das Spaß machen, aber ich empfinde das als puren Stress. Und das spüre ich auch in Form von Druck im Magen. Ich fühle mich eingeengt von Regeln, die für mich aufgestellt wurden. Freiheit ist etwas anderes!

HPU als Vorwand zur Restriktion

Als bei mir HPU diagnostiziert wurde, sagte mir meine Heilpraktikerin, ich sollte kein Weizen und keine Kuhmilchprodukte mehr essen. Auf Weizen zu verzichten war für mich gar kein Problem, da ich es schon vorher als gesundheitsschädlich ansah. Kuhmilchprodukte waren da schon schwieriger, da ich Quark und Jogurt über alles liebe!

Als ich nun hörte, was ich nicht mehr konsumieren soll, sagte eine Stimme in meinem Kopf: „Endlich habe ich die Erlaubnis zur Restriktion. Schließlich ist es gut für meine Gesundheit.“. Ich habe also meine HPU-Erkrankung als Vorwand dafür genutzt, wieder in restriktive Verhaltensmuster zurückzufallen.

Wenn HPU der Genesung im Weg steht

Weizen und Kuhmilchprodukte meiden und sich von aller Restriktion zu verabschieden sind nun aber leider zwei komplett entgegengesetzte Ansätze. Man kann nicht eine Gruppe von Lebensmitteln meiden und dann behaupten, man könne immer alles essen, worauf man Lust hat.

Als HPUler darf man darauf achten, Stress zu reduzieren, da dieser die Symptome verstärkt. Bei vielen HPU-Patienten verstärken außerdem Weizen und Kuhmilchprodukte die Symptome, weshalb auch diese vermieden werden sollen.

Meine Heilpraktikerin hat bei mir kinesiologisch festgestellt, dass mein Körper kein Weizen und keine Kuhmilchprodukte möchte. Ich persönlich hatte damit allerdings noch nie Probleme – mit keinem von beiden. Ich habe mein Leben lang Brot und Pasta aus Weizen gegessen, genau wie Quark, Jogurt, etc. Einzig pure Milch schmeckt mir nicht – davon ist mir als Kind mal schlecht geworden.

Orthorexie – vermeintlich gesund?

Trotzdem hielt ich mich eisern an diese Regeln. Außerdem versuchte ich, mich möglichst nährstoffreich („gesund“) zu ernähren und alles ungesunde zu vermeiden. Ich weiß beispielsweise nicht, wann ich das letzte Mal Kuchen gegessen habe.

Dieses Verhalten nennt man orthorektisch. Orthorexie ist eine Essstörung, bei der der Betroffene nicht Kalorien reduziert wie bei der Anorexie (Magersucht), sondern die seiner Ansicht nach „ungesunden“ Lebensmittel. Er ernährt sich also obszessiv gesund.

Du magst jetzt vielleicht denken, was denn falsch an gesunder Ernährung ist. Versteh mich nicht falsch, gesunde und ausgewogene Ernährung ist super, aber wenn sie nur eine andere Art der Restriktion ist, handelt es sich eindeutig um eine Essstörung.

Bei der Unterscheidung von Orthorexie und „gesund essen“ geht also um die Motive und Gedanken dahinter. Esse ich ausgewogen, um meine Gesundheit zu verbessern oder bin ich erleichtert, weil es endlich eine neue Art der Restriktion gibt. Mache ich mir Sorgen, was ich denn morgen im Büro esse (oder wie es aussieht, wenn ich meinen mitgebrachten Salat esse), wenn ein Kollege Pizza ausgibt oder sage ich mir: „Gut, Pizza ist nicht das nährstoffreichste Lebensmittel, dafür aber verdammt lecker!“ und freue mich auf das Beisammensein mit den Kollegen? Mache ich mir darüber drei Tage im Voraus schon Gedanken? Beschäftigt es mich sehr stark? Das alles können Anzeichen einer Orthorexie sein.

Stressreduktion als wichtiger Bestandteil der Genesung von Anorexie

Da stellt sich für mich nun die Frage, welcher Stress schlimmer für den Körper ist: der Konsum von Weizen und Kuhmilchprodukten oder der Stress, der mit Verzicht darauf verbunden ist. Oder anders gefragt: ist es nicht vielleicht sogar besser (weniger stressig für den Körper), die „verbotenen“ Lebensmittel zu konsumieren, anstatt sich verrrückt zu machen, was man anstattdessen isst?

Wie ich in meinem letzten Blogeintrag beschrieben habe, denke ich sehr oft ans Essen. Was esse ich wann, etc. Das erkläre ich mir dadurch, dass ich nach wie vor die Nahrungsmittel einschränke, die ich essen darf (Weizen und Kuhmilchprodukte). Wenn ich etwas nicht darf, ist es besonders interessant und ich beschäftige mich umso mehr damit.

Daher glaube ich, dass ich, wenn ich alles esse, worauf ich Lust habe, zwar meinen Körper eventuell schädliche Stoffe zuführe, die die Symptome der HPU verschlimmern können, dafür aber weniger mentalen Stress wegen des Essens habe, was die Symptome der HPU vermindert.

Außerdem habe ich so die Chance, endgültig von der Magersucht zu genesen, was, im Gegensatz zu dem, was ich ich bisher dachte, tatsächlich möglich sein soll. Im Buch BrainwashED: Diet-Induced Eating Disorders How You Got Sucked In and How To Recover berichtet Elisa Oras von ihrer Essstörung und dass sie nach ihrer vollständigen (nicht Pseudo-) Genesung keinerlei essgestörte Gedanken mehr hat.

Keinerlei Restriktion mehr!

Wäre das nicht toll? Keine Gedanken mehr ans Essen? Ich fände das ausgesprochen angenehm!

Als ich nun letzte Nacht genau darüber nachgedacht und mir vorgestellt habe, wie das wäre, habe ich mich selbst vorm Kühlregal eines Supermarkts gesehen. Ich habe mir die ganzen Jogurts und Desserts angeschaut und wusste, ich darf alle essen, wenn ich das möchte.

Ich hatte dann auch ganz konkrete Vorstellungen, was ich als erstes essen würde: Sandwiches mit Pute, Gouda und einem Salatblatt zum Mittag. Belegte Brötchen!!! Außerdem so einen aufgeschäumten Schokopudding, den ich als Kind total mochte und Götterspeise mit Waldmeister-Geschmack.

Daher war ich heute Morgen direkt erstmal einkaufen und folgendes ist dabei herausgekommen:

Einkäufe

Ich habe tatsächlich auf das ein- oder andere mal auf die Zutatenliste geschaut, sie aber dann ganz schnell wieder umgedreht und das Lebensmittel in den Einkaufwagen gelegt.

Ich habe mir vorgenommen, insbesondere auch darauf zu achten, neben Weizen (Toastbrot) und Kuhmilchprodukten (Gouda und Pudding) auch Lebensmittel zu konsumieren, die meiner Meinung nach „ungesunde“ Inhaltsstoffe haben. Dazu gehören beispielsweise Glukosesirup (Hallo Pudding!), Pflanzenöle (Hallo Toastbrot!) und E-Stoffe (Hallo Cola!).

Das ganze macht mir natürlich Angst. Wer weiß, ob ich nicht für immer und ewig so „ungesund“ leben werde? Wie wird sich mein Körper verhalten und welche Auswirkungen hat die geänderte Ernährung auf meine HPU-Erkrankung? Werde ich Hautunreinheiten bekommen? Wie wird sich mein Gewicht verändern?

Aber ich freue mich auch darauf, endlich wieder das essen zu können, worauf ich Lust habe. Das Gefühl der Freiheit beim Einkauf (bzw. schon bei meinen nächtlichen Gedanken daran) war enorm. Es hat sich alles so groß, gut und hell angefühlt. Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber wenn sich für mich etwas dunkel und eng anfühlt, ist es für mich besser, das nicht zu machen. Fühlt sich etwas hell, groß und luftig an (Freiheit, Leichtigkeit), dann ist es etwas, was gut für mich ist.

Darum habe ich mich dafür entschieden, das „durchzuziehen“. Erst wollte ich mir einen Zeitrahmen für mein Experiment setzen. Aber ich habe mich umentschieden. Es wird so lange dauern, wie es dauert. Eben so lange, wie mein Körper es braucht. Also die Energie. Und die Freiheit. Es ist kein Experiment, sondern meine zukünftige Lebensweise ohne Restriktion!

Vermutlich werde ich jetzt eine Weile lang Dinge essen, die ich mir vorher verboten habe. Aber ich vertraue meinem Körper, dass er sein Gleichgewicht findet. Dass er mir sagt was er braucht, um gesund zu sein. Und das ohne ständige Gedanken ans Essen!

Ich bin gespannt, was passiert…

Quellen:

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5 Gedanken zu “Genesungsprozess? Wenn dann richtig! Ergänzungen zu „Pseudogenesen“ und ein Abstecher in die Orthorexie

  1. Eluin schreibt:

    Ich drück dir die Daumen. Aber da es bei dir kinesiologisch ausgetestet wurde, kann es sein, dass dein Körper es in dem Moment so brauchte – zumindest ist das bei mir oft der Fall – möglicherweise eben bis zu dem Zeitpunkt, wo du umdenken konntest. Wie fühlst du dich nun eine Woche später?

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      • Eluin schreibt:

        Vielleicht liegt es auch an der Umstellung. Außerdem kann ausgewogen auch heißen, dass du dir gesunde Lebensmittel zwar als hauptsächlich vornimmst, dir aber auch ungesundes erlaubst. In Maßen. Ich drücke dir die Daumen.

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  2. Stephanie schreibt:

    Ja, das dachte ich auch schon. Vor allem, weil die Pickel alle auf einmal kamen und seit dem keine neuen dazu gekommen sind.

    Und das mit dem “ausgewogen“ hast du schön beschrieben, denn genau so stelle ich mir das auch vor. Aktuell bin ich vielleicht aber bei den “ungesunden“ Dingen, weil ich da Nachholbedarf habe, aber ich habe trotzdem noch viel Lust auf Dinge, die als “gesund“ gelten.

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