Sport-frei! Von Baumstümpfen, grinsend spazieren gehen und mehr.

Sport ist gesund. Punkt. Das haben wir schon als Kinder gelernt: „Sitz nicht vor dem Fernseher – geh raus und beweg‘ dich!“. Du musst drei Mal pro Woche für mindestens eine Stunde trainieren. Joggen ist gut für den Kreislauf. Mindestens 10.000 Schritte am Tag! Die Liste ließe sich ewig weiterführen. Dabei ist Sport vielleicht gar nicht für jeden gesund und richtig?!

Die Sache mit dem Maß

Insbesondere für Menschen mit Essstörungen ist Sport ein kritisches Thema. Klar, Bewegung ist gut, aber wie bei allen Dingen ist das Maß der Unterschied zwischen Heilmittel und Gift für unseren Körper. Auch sich nicht ständig zu überfressen ist durchaus gut für unseren Körper – hungern jedoch nicht.

Mit dem Maß haben es Magersüchtige leider nicht, denn sie haben den Bezug zur Realität oft verloren.

Essstörungen und Sport

Es gibt verschiedene Ausprägungen der Magersucht. Die bekannteste nennt sich Anorexia Nervosa, wo der oder die Betroffene weniger Energie zu sich nimmt, als er oder sie verbraucht. Es gibt jedoch auch die Anorexia Athletica, wo der Energieverbrauch durch eine ungesunde Menge an Sport die Energiezufuhr deutlich übersteigt. In beiden Fällen sinkt das Körpergewicht des oder der Betroffenen.

Am Beispiel der Anorexia Athletica kann man erkennen, dass Sport nicht immer gesund ist. Doch wie unterscheidet man zwischen gesund und ungesund? Auf Your Eatopia, einem ausgezeichneten Blog über die Genesung von Essstörungen, werden zwei Kriterien für ein „normales“ Sport-Maß genannt:

  • adequate Erholzeiten, inbesondere bei Verletzungen und
  • adequate Energiezufuhr, um zu Höchstleistungen in der Lage zu sein, wobei ein Energiedefizit schnell bemerkt wird.

Wenn man jedoch Sport-süchtig ist bzw. über Sport andere Gefühle kompensiert, kann man oft einige der folgenden Facetten erkennen (welche man auch bei anderen Formen der Sucht sieht):

  • Wahrnehmung: Ist Sport die wichtigste Aktivität in unserem Leben geworden? Denkt man nur noch an Sport?
  • Stimmungsänderung: Gibt uns Sport ein (übertriebenes) Hochgefühl?
  • Toleranz: Muss die Menge oder Intensität immer weiter gesteigert werden, um das Hochgefühl zu erreichen?
  • Entzugserscheinungen: Treten Symptome wie Irritierbarkeit, Unmut, Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, Angst, Sorge, etc. auf, wenn kein Sport getrieben werden kann?
  • Konflikt: Gibt es zwischenmenschliche Probleme infolge der sportlichen Aktivität? Sorgen sich Familie oder Freunde über das übertriebene Maß an Sport?
  • Rückfall: Scheitern Versuche, das Maß an Sport zu reduzieren oder alle sportlichen Aktivitäten aufzugeben und führen zur Rückkehr zu einem übertriebenen Maß an Sport (evtl. sogar schlimmer als zuvor)?

Unbewusste Bewegung im Alltag (NEAT)

Man unterscheidet übrigens zwischen Sport, also einem Workout bzw. Training, beispielsweise joggen oder Tennis spielen und NEAT. Die Abkürzung NEAT steht für Non-Exercise Activity Thermogenesis, was alle Bewegungen beinhaltet, die wir machen, wenn wir nicht gerade schlafen. Dazu zählt beispielsweise das Stehen oder Spazierengehen. Aber auch kleine Macken wie das Wippen mit dem Fuß oder den Fingern zählt dazu. All das sind Aktivitäten, die unseren Energieverbrauch erhöhen.

Interessanterweise ist es so, dass bei nicht-essgestörten Menschen mit erhöhter Energiezufuhr die NEAT-Aktivität steigt. Das kommt schlicht und einfach daher, dass der Körper versucht, die überschüssige Energie zu verbrauchen.

Bei Menschen mit Essstörungen ist es jedoch genau umgekehrt: Ihre NEAT-Aktivität steigt, wenn sie aktiv ihre Energiezufuhr restriktieren. Je geringer die Energiezufuhr, desto mehr bewegen sich essgestörte Menschen.

Die schlüssigste Erklärung hierfür ist, dass es ein evolutionärer Vorteil war, wenn einige wenige Menschen in Zeiten einer Hungersnot innerlich dazu getrieben waren, trotz der Nahrungsknappheit nach etwas Essbarem zu suchen. Möglicherweise konnten sie dadurch das Überleben einer Gruppe sichern.

Wann Sport nicht so toll ist, wie es einem gesagt wird

Ok, Menschen mit Bewegungsdrang haben eventuell unser Überleben gesichert. Aber heutzutage ist eine große Hungersnot in unserer westlichen Welt eher selten. Wann sind Sport und Bewegung dann eher schädlich als nützlich?

Beispielsweise dann, wenn Bewegung zur Regulation negativer Emotionen dient, anstatt zum Wohlbefinden. Gute Indikatoren, insbesondere für Menschen mit Essstörungen, sind außerdem:

  • wenn du den Druck empfindest, trainieren zu müssen,
  • wenn du dich ärgerst, dass du eine Trainingseinheit unterbrechen oder verschieben musst,
  • wenn andere finden, dass du übermäßig viel trainierst,
  • wenn du heimlich trainierst,
  • wenn du dich schlecht, unwürdig oder schuldig fühlst, falls du nicht das von dir festgelegte Maß an Training erfüllen kannst,
  • wenn du dich darüber ärgerst, dass dir eine bestimmte Übung Schwierigkeiten bereitet, oder
  • wenn du Gesundheit oder Langlebigkeit als Vorwand fürs Sporteln nutzt, obwohl du nur abnehmen möchtest

Folgen von zu geringer Energiezufuhr

Man könnte denken, dass der erhöhte Energieverbrauch beim Sport durch eine erhöhte Nahrungsaufnahme kompensiert werden kann. So funktioniert unser Körper jedoch nicht. Die beliebte Annahme Calories in – calories out (dt.: zu sich genommene Kalorien entspricht verbrauchten Kalorien) stimmt insbesondere bei essgestörten, aber auch bei allen anderen Menschen, nicht.

Aufgrund der kurz- oder langfristigen Mangelernährung musste der Körper anderweitig an Energie kommen um sein Überleben zu gewährleisten. Das kurzfristige Überleben ist dabei immer wichtiger als das langfristige. Muskeln und Nerven werden in einer Hungerperiode nicht unbedingt benötigt, Energie für Herz und Gehirn jedoch schon. Sobald die eigenen Fettreserven auf ein Minimum geschrumpft sind, zehrt der Körper an seinen eigenen Muskeln und auch Nerven. Man könnte auch sagen, der Körper ist in der Not ein Kanibal.

Diese katabolen (körperabbauenden) Vorgänge müssen nun rückgängig gemacht werden und dabei entstandene Schäden repariert werden. Dazu braucht der Körper insbesondere eins: Energie. Er kann es sich bei diesen Reparaturarbeiten nicht leisten, durch übermäßige Bewegung wichtige Energie zu verlieren.

Weiterhin entstehen durch Training kleine Schäden an den Muskeln (von richtigen Sportverletzungen auf Grund von verminderter Knochendichte etc. ganz zu schweigen), für deren Reparatur wieder Energie, aber auch Baustoffe benötigt werden. Diese würden für die Reparatur der Schäden der Mangelernährung fehlen.

Genesung

Wie bei allen Essstörungen kommt man da nur heraus, wenn man restriktives Verhalten, wozu auch übermäßiger Sport zählt, durch nicht-restriktives Verhalten ersetzt. Man könnte auch sagen, ein für den Betroffenen schädliches Verhalten muss durch nützliches ersetzt werden.

In Die Frau, die im Mondlicht aß, einem Buch über Magersucht, habe ich eine schöne Analogie gelesen: Wenn man im Wasser ist und sich an einen Baumstumpf klammert um nicht zu ertrinken, hilft es nichts, los zu lassen, denn dann wird man ertrinken, falls man nicht schwimmen kann. Vielmehr hilft es, Stück für Stück das Schwimmen zu lernen, so dass man den Baumstumpf nicht mehr benötigt.

Konkret…

Ich habe mich bei den oben genannten Hinweisen auf ein ungesundes Verhältnis zu Sport und Bewegung wiedererkannt. Nach der Lektüre von den entsprechenden Artikeln auf Your Eatopia (Links siehe unten) entschied ich mich Anfang Dezember 2015, bis auf weiteres keinen Sport zu treiben. Einzig lockere Spaziergänge an der frischen Luft waren noch ok.

Meine größte Motivation dabei war es, meine Hormone wieder ins Gleichgewicht zu bekommen. Dies ist aktuell leider (noch) nicht der Fall, wie ich anhand meiner (seit 5 Jahren) ausbleibenden Regelblutung eindeutig sehe.

Anfangs war es natürlich schwierig. Nach meiner Entscheidung bereitete ich meinen Mann darauf vor, dass er in den folgenden Wochen eine knickrige, launische Frau an seiner Seite haben wird.

Ich war überrascht, dass es nicht so kam. Ich bin seitdem fast jeden Tag für ca. 30-45min spazieren gegangen und habe dabei ein neues Hobby für mich entdeckt: das Hören von Hörbüchern.

Ich freue mich regelrecht auf meine Spaziergänge, da ich dabei zum einen meine vom Tag am PC steifen Beine bewegen kann und zum anderen ein tolles Hörbuch hören kann. Für mich ist das eindeutig ein besseres Verhältnis zu Bewegung als vorher.

Außerdem: Wusstet ihr, wie lustig es sein kann, grinsend die tollsten Szenen aus Fifty Shades of Grey zu hören, während man beim Spazierengehen fremde Leute grüßt? Wenn die wüssten… 😉

Vielleicht habe ich ja nach 3 Jahren Kampf mit der Magersucht als meinen Baumstumpf endlich das Schwimmen gelernt. Und damit meine ich nicht das Schwimmen im Rahmen des Iron Man. Denn ob das wirklich so gut für mich wäre, wage ich zu bezweifeln.

Links

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