Rote Blume

Ein Tag im Leben einer Magersüchtigen – Teil III: Genesen?

Direkt nach der Entlassung

Die erste Zeit nach meiner Entlassung aus der Klinik lief eher so lala. Ich habe mein Gewicht mit dem BMI von 18,5 gehalten – mehr aber auch nicht. Zunehmen wollte ich nicht weiter. Abnehmen wäre mir Recht gewesen, aber ich wollte auch nicht zurück in die Klinik. Im Nachhinein denke ich, dass mein Gewicht schon eher langsam wieder nach unten ging.

Experimente

Anfangs gab ich mir Mühe, weiter so zu essen wie in der Klinik. Später fing ich an, mit verschiedenen Ernährungsformen zu experimentieren, unter anderem low carb (kohlenhydradreduziert), high protein (viiiiel Eiweiß), ketogen (quasi gar keine Kohlenhydrate, dafür viel Fett) und intermittierendes Fasten (16h fasten und 8h essen).

Das gab mir interessante Einblicke in meinen Körper. Was braucht er? Was mag er? Was mag er nicht? Ich stellte fest, dass ich mit einer high protein Ernährung immer gut satt war, mit einer ketogenen Ernährung war selbst langsames Fahrradfahren anstrengend und beim intermittierenden Fasten erfuhr ich dauerhafte Kälte vormittags (wenn ich fastete), liebte aber die Fresserei am Abend!

Ich beschäftigte mich außerdem mit der Paleo (Steinzeit) Ernährung. Es gefiel mir, mich natürlich zu ernähren – ich fühlte mich in gewisser Weise anderen überlegen (auch das kommt mir im Nachhinein von der Magersucht bekannt vor).

Orthorexie?

Das alles führte dazu, dass ich nur sehr selten außer Haus aß (und wenn, nahm ich mit meine Gerichte in Tupperdosen mit), da ich in Restaurants und der Mensa ja die Inhaltsstoffe nicht kontrollieren konnte.

Diesen Zwang zum „gesunden“ Essen nennt man Orthorexie. Betroffene versuchen nicht, möglichst wenig zu essen (wie bei der Anorexie), sondern möglichst „gesund“ zu essen. Und ja, auch das ist eine Essstörung!

Die Folge: Verlangsamter Stoffwechsel

Wie ich bereits hier beschrieben habe, führte das zu einem verlangsamten Stoffwechsel und hormonellem Ungleichgewicht in meinem Körper. Mir war oft kalt und ich habe Amenorrhoe (ausbleibende Regelblutung). Außerdem hatte ich oft großen, fast unbändigen Hunger.

Das andere Extrem: Viiiiiiiiiiiiel Essen

Ich habe dann eine Zeit lang sehr viel und teils auch „ungesund“ gegessen (Nutella, Kuchen, große Mahlzeiten generell). Und ganz ehrlich: es war geil!! Ich kann es nicht anders sagen. Ich habe es wirklich genossen. Ich habe so viel gegessen wir ich wollte. Und ich habe zugenommen – bestimmt 8-10kg. Wie viel es genau war, kann ich nicht sagen, denn ich habe mich seitdem nicht mehr gewogen.

Und das war die beste Entscheidung überhaupt! Kein Wiegen der Zutaten meiner Mahlzeiten und kein Kalorienzählen mehr! Ich fühle mich unglaublich frei!!

Der Körper reguliert sich selbst

Nach einer Weile spürte ich, dass ich gar nicht mehr so viel Essen brauche, wie es am Anfang dieser Phase der Fall war, und trotzdem zufrieden war. Mein Körper fing an, sich zu regulieren. Er hat jetzt die nötigen Fettreserven, die er zur optimalen Funktion braucht.

Und nun?

Ich bin ausgeglichen und nicht mehr so ungeduldig (weil ich hungrig bin).

Ich habe noch Gedanken daran, weniger zu essen. Oft sogar. Aber ich schaffe es meist, ihnen zu widerstehen, da ich froh bin, wieder eine Serie zu schauen und mich tatsächlich auf den Inhalt konzentrieren zu können ohne daran zu denken, wann ich endlich wieder etwas essen kann.

Ich versuche manchmal noch, meine Mahlzeiten zu verzögern („Eine halbe Stunde warte ich noch mit dem Essen“ „Vor 18:00 Uhr kann ich doch nicht Abendessen!“), aber es wird besser, da ich natürlich weiter daran arbeite.

Ich habe ein kleines Speckröllchen am Bauch und Fett am Oberarm. Na und? Wenigstens habe ich weibliche Kurven. Ich sehe gesund aus. Ich fühle mich gut. Und mein Mann sagt sogar, es gefällt ihm!

Was will ich mehr?

Genesen?

Nein, ich bin noch nicht vollständig genesen. Aber die Magersucht ist bei mir auf einem Level, auf dem sie mich nicht behindert. Ich weiß, dass sie nie vollständig verschwinden wird. Sie wird immer ein Teil von mir sein. Aber eben auch nur ein Teil – und nicht der Großteil!

Es ist mir wichtig, dass Außenstehende und Angehörige von Betroffenen wissen, dass ein gesundes Körpergewicht noch lange nicht bedeutet, dass man genesen ist. Ich behaupte sogar, dass man noch nicht einmal körperlich genesen ist. Der Körper hat noch viele Dinge, die während der Essstörung geschädigt wurden (Muskeln, Organe, etc.) zu reparieren. Und auch die Psyche muss noch einiges bearbeiten.

Und das braucht einfach Zeit. Zeit, die man sich geben und nehmen sollte und für die man sich nicht zu schämen braucht. Rückschläge sind normal. Sie stärken uns und bringen uns voran. Nur so wachsen wir!

Und heute?

Ich verstecke meine Magersucht nicht, sondern spreche (und schreibe) offen darüber. Ich posaune es natürlich nicht an jeden heraus, der an mir vorbei läuft, aber ich verschweige es auch nicht. Ich verstecke meine Lücke im Lebenslauf nicht und ich verschweige auch nicht, warum ich meinen ersten Hochzeitstermin 2012 absagen musste und erst dieses Jahr, 2015, geheiratet habe. Jetzt war ich bereit dazu. Und es war der schönste Tag in meinem Leben!

Ohne die Magersucht wäre ich heute nicht das, was ich bin.

Ich habe gekämpft und die Oberhand gewonnen. Und darauf bin ich verdammt stolz!

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Ein Gedanke zu “Ein Tag im Leben einer Magersüchtigen – Teil III: Genesen?

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