Ein Tag im Leben einer Magersüchtigen – Teil I: Vor der Einsicht.

1:55 Uhr. Das gleiche wie die letzten Nächte auch. Ich wache auf, weil ich Hunger habe. Leise schleiche ich mich aus dem Schlafzimmer, um meinen Freund nicht zu wecken. Kühlschrank auf. Der erste Weg führt ins Bad und ich steige auf die Waage. Puh, 100g weniger als gestern früh. Ich kann mir also einen kleinen Snack gönnen. Hmm, was esse ich nur? Es sollte nicht zu viel sein, schließlich will ich ja zum Frühstück wieder Hunger haben. Naturjogurt? Sollte ich irgendwas rein machen? Hmmm, alle sagen ich soll mehr essen. Vielleicht ein paar Haferflocken? Oder ein bisschen Marmelade? Nein, die enthält Zucker, der ist nicht gut. Ich esse mein kleines Schälchen mit Jogurt und gehe zurück ins Bett.

5:30 Uhr. Ich wache auf und bin so unruhig, dass ich nicht mehr schlafen kann. Es ist als würde mein Gehirn mich antreiben, etwas nützliches zu tun anstatt im Bett zu liegen und zu schlafen. Ich habe Hunger. Also geht es wieder zum Kühlschrank und ich esse zwei Löffel Magerquark. Mehr gönne ich mir nicht, denn ich freue mich auf das gemeinsame Frühstück mit meinem Freund.

6:30 Uhr. Der Wecker klingelt. Mein Freund steht auf und wir schnippeln unseren Obstsalat fürs Frühstück. Ich achte akribisch darauf, dass er die größere Portion erhält. Schließlich ist er ein Mann und braucht daher mehr Energie als ich. Jeder macht sich dann selbst Nüsse und Jogurt an seinen Obstsalat. Das ist auch gut so, denn so kann ich kontrollieren, wie viel ich bekomme. Ich nehme so wenig Nüsse wie möglich, denn ich möchte mich nicht überfressen. Die Küchenwaage hilft mir dabei. Jedes Apfelwürfelchen und jede Rosine wird abgewogen.

10:00 Uhr. Mein Freund ist inzwischen arbeiten gegangen. Ich habe den Vormittag damit verbracht, nach Rezepten zu suchen, die möglichst fett- und damit auch kalorienarm sind. Die meisten habe ich mir gespeichert, einige auch ausgedruckt. Meine Konzentration hat nachgelassen, da ich schon wieder Hunger hatte. Ich gönne mir eine kleine Dose Tunfisch in Wasser.

11:00 Uhr. Ich stehe im Rewe vor den Jogurts. Ich liiiiebe Jogurt! Hmmm, welcher sieht denn lecker aus? Ich nehme einen in die Hand und lese die Nährwertangaben? Was? Der hat 150 kcal auf 100g? Das ist viel zu viel!! Ich stelle ihn wieder zurück und nehme mir eine fettarme Variante, die nur 89kcal auf 100g enthält – wohl wissend, dass mir diese nicht so gut schmeckt, wie die normale Version.

12:00 Uhr. Ich komme vom Einkauf zurück. Der Tunfisch hat nicht lange angehalten und ich habe schon wieder Hunger. Es ist gerade mal 12:00 Uhr! Ich kann doch jetzt noch nicht essen! Wenn ich jetzt schon Mittag esse, habe ich ja um 14:00 Uhr schon wieder Hunger und halte es nie bis zu meinem obligatorischen Nachmittagssnack (Bananenquark) aus. Ich überlege, womit ich mich ablenken kann. Ah, da gibt es noch Wäsche zu waschen und zu bügeln. Ich beschäftige mich also noch 1,5h.

13:30 Uhr. Nach getaner Arbeit belohne ich mich mit einem Salat zum Mittagessen. Auch hier wird jeder Käsewürfel und jedes Salatblatt abgewogen und notiert. Ich möchte schließlich nicht über mein gestecktes Kalorienziel hinausschießen!

14:00 Uhr. Der Salat ist aufgegessen und der Abwasch natürlich gleich gemacht. Ich könnte niemals einen schmutzigen Teller in meiner Küche stehen lassen. Alles muss gleich abgewaschen werden – nur so sieht die Küche perfekt aus! Jetzt lege ich mich erstmal hin, um etwas Schlaf nachzuholen. Außerdem geht so die Zeit bis zu meinem Nachmittagssnack schneller um.

15:30 Uhr. Ich wache wieder auf. Noch eine halbe Stunde! Ich habe schon wieder Hunger. Um mich anzulenken surfe ich ein bisschen im Internet.

16:00 Uhr. Endlich! Zeit für meinen Bananenquark (bestehend aus einer Banane und einem Becher Quark – Magerstufe natürlich!). Darauf habe ich mich schon den ganzen Tag gefreut.

16:30 Uhr. Mein Freund nach Hause und wir schauen uns ein paar Serien an. Zwischendurch schweife ich häufig ab, um mir zu überlegen, was ich zum Abendessen essen soll. Zwei Scheiben Brot? Nein, das ist viel zu viel. Ich will ja heute Abend noch ins Fitnessstudio gehen. Da kann ich es mir absolut nicht leisten, überfressen zu sein. Hmm… Oh, was ist da gerade bei der Serie passiert? Mein Freund pausiert und erklärt mir den Verlauf. Ok, eine Scheibe Brot esse ich auf einer Häfte mit Emmentaler. Die andere halbe esse ich mit Räucherlachs. Und die dritte Hälfte – wie immer – mit Frischkäse. Und dazu gibt es ein paar Tomaten. Ja, so sollte es gehen. Ich bemerke, dass ich schon wieder die Hälfte er Serie verpasst habe. Egal, wenigstens steht mein Plan fürs Abendessen.

18:00 Uhr. Abendessen. So wie ich es geplant habe, esse ich mein Abendessen. Ich stelle fest, dass mein Freund mehr isst. Naja, aber er geht ja auch nicht zum Sport – da wäre es nicht ganz so schlimm sich zu überfressen.

20:00 Uhr. Mein Kurs im Fitnessstudio beginnt. Da mein Magen leicht geknurrt hat und ich mich etwas müde fühlte, habe ich noch ein bisschen Traubenzucker gegessen, damit ich die Stunde durchhalte.

22:30 Uhr. Ich komme nach Hause und belohne meine Anstrengung beim Sport mit einem weiteren Bananenquark. Den habe ich mir verdient!

23:00 Uhr. Müde und zufrieden darüber, dass ich heute nicht zu viel gegessen habe, falle ich ins Bett und freue mich schon auf meinen Obstsalat morgen früh.

(Teil II)

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