„Nicht so viel denken – einfach mal machen!“ – über Perfektionismus, Selbstwert und was das mit 100€-Scheinen zu tun hat

Wenn mir das vor 2 Jahren mal jemand gesagt hätte, hätte ich ihn vermutlich ausgelacht: Ich habe heute an einem Workshop zum Olympischen Gewichtheben teilgenommen – ich, wo ich mein Leben lang mit Fitnessstudios und Hanteln NICHTS anfangen konnte. Wie dem auch sei, der Workshop war nicht nur super interessant, was das Gewichtheben angeht, sondern er hat mir außerdem mal wieder aufgezeigt, wie ich ticke.

Häääääää?

Es war wirklich spannend: Nach der ersten Erklärung des Trainers sollten wir das Reißen üben. Das klingt jetzt so einfach – war es aber nicht, denn es gab unglaublich viele Dinge zu beachten: die Hantel richtig anfassen, dann zuerst den Kopf hoch und Schultern nach hinten, danach schwungvoll die Hüfte strecken, Schultern hochziehen, Ellenbogen auf Schulterhöhe, dann nach oben klappen, zur gleichen Zeit unter die Hantel gehen und dann hoch. Aha – was war nochmal der dritte Punkt?

Ich stand also vor meiner Hantel und hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Wie hatten das Ganze zwar erst mit Plastikstöckern geübt, aber mit einer 15kg-Hantelstange ist das doch nochmal etwas ganz anderes.

Und los geht die Denkerei…

Was passierte dann? Ich bekam Angst – Angst davor, etwas falsch zu machen. Das führte dazu, dass ich noch angestrengter versuchte, mich an den Bewegungsablauf zu erinnern. Ich verspürte den Drang, den Trainer zu bitten, mir die Bewegung nochmal zu zeigen, dachte dann aber, dass mir das auch nicht helfen würde. Ich versuchte also ängstlich die Hantelstange zu reißen, aber weiter als bis zu dem „Arme-auf-Schulterhöhe“-Teil kam ich nicht.

… und dadurch auch der Ärger!

Und dann? Ich hätte es ja eigentlich wissen müssen, denn ich kenne mich ja inzwischen doch ganz gut. Ich begann, mich über mich selbst zu ärgern. „Wieso kriege ich das nicht hin? Ich bin einfach zu doof. Die anderen können es und ich bin mal wieder die einzige, die das nicht kann. Ich bin nichts wert.“ Dass wir zur nächsten Übung weitergingen, ohne dass ich das „Reißen“ mit der Hantelstange hinbekommen habe, half auch nicht.

STOPP!

Ich spürte, wie mir langsam die Tränen in die Augen kamen. Da mir auch das von mir selbst bekannt vorkam, sagte ich zu mir selbst: „Stopp! Das reicht! Ich bin hier, um etwas zu lernen, das ich vorher noch nie gemacht habe. Ich will Freude am Training haben und mich nicht ärgern!“. Ich beschloss, aufzuhören, über jedes kleine Detail nachzudenken und anstattdessen einfach mal zu machen – auch auf die Gefahr hin, dass ich einen Fehler machen würde.

Nicht so viel denken – einfach mal machen!

Schon stieg der Angstpegel weiter an. Und dann kam auch noch der Trainer vorbei, um sich mein „Stoßen“ anzusehen. Jetzt kam es drauf an. Ich dachte mir „Nicht so viel denken -einfach mal machen!“, schaltete meinen Kopf aus und verließ mich auf meine Intuition bei der Bewegung und siehe da: Es klappte! Ich hatte es geschafft!

Die Sache mit dem Selbstwert

Dieses Phänomen habe ich nicht zum Mal bei mir beobachtet. Als während meiner Schulzeit Volleyball spielte, fühlte ich mich sehr oft wertlos, wenn ich von meinen Mitspierlerinnen angemeckert wurde, weil ich einen Fehler gemacht hatte. Tränen waren da keine Seltenheit.

Und der Grund?

Woran liegt es nun, dass ich in Tränen ausbreche, nur weil ich etwas nicht hinbekomme? Kurz gesagt: am Perfektionismus. Ich habe den Anspruch an mich selbst, dass ich alles, was von mir verlangt wird, können muss – sei es in der Schule/Uni, beim Sport oder zu Hause. Und wenn ich es nicht schaffe, bin ich nichts wert.

Der wahre Selbstwert

Meine Mutti hat mir mal einen tollen Vergleich gegeben, als ich mich mal wieder wertlos fühlte:

Stell dir mal einen 100€-Schein vor. Den würdest du doch sicher gerne haben wollen, oder? Nun stell dir vor, jemand zerknüllt den Schein und wirft ihn in den Dreck. Wie sieht es nun aus? Willst du den Schein immernoch haben?

Ja, natürlich! Der Schein hat an seinem Wert nichts verloren! Genauso ist es mit uns Menschen auch. Mal bekommen wir etwas nicht hin (der Schein wird zerknüllt), ein andern Mal weist und jemand auf einen unserer Fehler hin (der Schein wird in den Dreck geworfen). Wir fühlen uns schlecht und wertlos, dabei sind wir immer noch genau so viel wert wie vorher, denn diese Fähigkeit sagt über uns und unseren Charakter doch überhaupt nichts aus!

Und wie ist das mit dem Nachdenken?

Eine weitere Sache ist an meinem heutigen Erlebnis interessant: Ich bekam Angst und versuchte mich kramphaft an alle Einzelheiten des Bewegunsablaufs zu erinnern, weil ich glaubte, das nötig sei, um die Bewegung auszuführen. Das führte jedoch zum Gegenteil – ich war so „verkopft“, dass ich die Bewegung nicht schaffte. Sobald ich einsah, dass ich gar nicht alle Details der Bewegung zu wissen brauche, um die Bewegung ausführen zu können, schaffte ich sie auch. Wahrscheinlich war die Bewegungsausführung nicht perfekt, aber ich habe sie ausgeführt!

Es scheint, als würden unsere Taten davon abhängen, dass wir alles über ihre Ausführung und Folgen wissen. Oder anders gesagt: Wenn wir nicht alles über unsere Taten und deren Folgen wissen, wollen wir nicht handeln.

Das ist sehr schade, denn sobald man die Bewegung (Tat) einmal geschafft hat, schafft man sie auch wieder. Und bekanntermaßen macht Übung (also die Wiederholung der Bewegung) den Meister.

Eine ähnliche Erfahrung habe ich auch in einem anderen Bereich meines Lebens gemacht. Vor einigen Jahren, nachdem ich von zu Hause ausgezogen war, wollte ich mir einen Drucker kaufen. Ich wusste, dass es auf jeden Fall ein Laserdrucker sein sollte. Daraufhin fing ich an zu recherchieren. Nachdem ich mir einige Drucker angesehen hatte stellte ich fest, dass jeder Drucker, den ich bisher angesehen hatte, irgendeine Eigenschaft hatte, die mir nicht zusagte. Daher suchte ich weiter nach dem perfekten Modell. Und ich suchte weiter und weiter und weiter. Bis ich an dem Punkt ankam, wo ich nicht mehr nur fünf Eigenschaften von fünf Druckern vergleichen musste, sondern 20 Eigenschaften von 20 Druckern!

Zu viele Informationen machen unzufrieden!

Inzwischen wollte ich eigentlich gar keinen Drucker mehr kaufen, denn keiner wurde meinen Ansprüchen gerecht. Im Endeffekt kaufte ich dann den Drucker, der die wenigsten Nachteile hatte. Nachdem ich ihn dann einige Wochen lang in Benutzung hatte, fiel mir auf, dass mich einer der Nachteile doch mehr störte, als beim Kauf dachte. Dadurch war ich noch unzufriedener mit meinem Kauf! Hätte ich doch nur einen anderen Drucker genommen!

Wenn ich von Anfang an nach den fünf ersten Druckern meine Recherche beendet und nicht alle Details über alle Drucker gewusst hätte, wäre ich wahrscheinlich zufriedener mit meinem Kauf gewesen, denn ich hätte ja nicht gewusst, dass andere Drucker diesen Nachteil nicht haben. Das auch der Grund, warum man mit Spontankäufen („Oh, guck mal, das Kleid sieht aber hübsch aus!“) meist sehr zufrieden ist, wohingegen man mit „Zwangskäufen“ („Ich muss mir eine neue Hose kaufen, weil mir meine alten Hosen nicht mehr passen!) meist unzufrieden ist, denn im zweiten Fall muss man ja etwas kaufen, auch wenn es vielleicht nicht 100%ig passt.

Und wie ging es mit dem „Reißen“ weiter?

Am Ende des Workshops hatten wir noch eine halbe Stunde Zeit, wo wir das üben konnten, was wir wollten. Ich bat den Trainer, mir nochmal das Reißen zu zeigen. Dieses Mal wollte ich die komplette Bewegung schaffen! Darum schaltete ich meinen Kopf aus und tat es einfach. Ich stellte fest: „So schwer war es gar nicht!“ (wenn man nicht so viel darüber nachdenkt) 😉 .

Die Moral von der Geschicht‘

An meinem Beispiel siehst du gut, dass es of von Nachteil ist, alle Details und Auswirkungen einer Tat (Bewegung) wissen zu wollen. Es besteht die Gefahr, dass deine Recherche kein Ende findet und du am Ende unzufrieden bist, egal, wie du dich entscheidest – du hast dich dann quasi unzufrieden recherchiert

Es hilft, den Kopf auszuschalten und die Tat (Bewegung) einfach auszuführen, auch wenn sie nicht perfekt sein wird. Das ändert nichts an deinem Wert, denn egal, wie gut du „reißen“, „stoßen“ oder „drücken“ kannst, du bist und bleibst ein toller Mensch mit vielen tollen Charakterzügen und beeindruckenden Fähigkeiten auf die du stolz sein darfst!

Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht wie ich? Gab es Situationen, wo du eines deiner Verhaltensmuster erkannt hast? Konntest du es durchbrechen? Machst du deinen Selbstwert an Erfolgen fest? Hast du dich schonmal „unzufrieden recherchiert“? Ich freue mich auf deinen Kommentar!

Advertisements

10 Gedanken zu “„Nicht so viel denken – einfach mal machen!“ – über Perfektionismus, Selbstwert und was das mit 100€-Scheinen zu tun hat

  1. Steffi W. schreibt:

    Hallo Ruppi,

    ich lese wirklich sehr gerne deine neuen Block, weil ich mich in vielen Dingen selbst wiederfinden kann – so ganz besonders heute. Ich denke auch oft zu viel und bin am Ende trotzdem noch unzufrieden. Ich schreib gerad eine Bewerbung und komm auch einfach nicht zum Ende, weil es in meinen Augen eben noch nicht perfekt ist – danke für deinen Gedankenanstoß!
    Ich wünsche dir alles Gute

    mit lieben Grüßen aus Köln
    Steffi W.

    Gefällt mir

    • Stephanie schreibt:

      Hi Steffi,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich freue mich, dass du Gefallen an meinem Blog gefunden hast. Wenn man so ein kleiner Perfektionist ist, ist es häufig schwierig, den Punkt zu finden, an dem man aufhört an einer Sache zu arbeiten. Gerade bei einer Bewerbung, die ja doch irgendwo perfekt sein sollte, da ja einiges davon abhängt. Für diesen Punkt habe ich leider auch noch kein „Geheimrezept“ gefunden.

      Manchmal ist es aber auch so, dass man das Abschicken der Bewerbung einfach nur herauszögern möchte, beispielsweise, weil man den Job aus dem Bauch heraus eigentlich gar nicht möchte, auch wenn der Kopf (Verstand) etwas anderes sagt. Manchmal hilft es, so etwas zu hinterfragen.
      Ich wünsch dir jedenfalls viel Erfolg für deine Bewerbung und auch sonst alles Gute!

      Liebe Grüße aus Kanada,
      Stephanie

      Gefällt mir

  2. Angelika Boxberger schreibt:

    Seltsam, dass ich ausgerechnet jetzt, nachdem ich fast 3 Arbeitstage in das Schreiben eines Exposés für meine Masterthesis investiert habe, noch einmal deinen Blogeintrag und eure Kommentare dazu lese….vielleicht ein Wink? Ich habe mich schon seit längerem in Verdacht, dass ich mein Studium eigentlich unterbewusst gar nicht beenden will. Und deshalb alles was geht hinauszögere.
    Also auch von mir noch einmal: Danke für den Anstoß!
    Und im übrigen herzlichen Glückwunsch zur Examensfreiheit 😉

    Liebe Grüße aus Naumburg,
    Geli

    Gefällt mir

    • Stephanie schreibt:

      Hi Geli,
      Vielen, vielen Dank für deinen Kommentar! Manchmal ist es echt verrückt, wie wir uns unbewusst selbst im Weg stehen. Da hilft es meist zu hinterfragen, warum wir uns so verhalten – oft ist es Angst vor etwas Neuem, also Veränderung. Oder wir wollen gar nicht haben, was wir versuchen zu bekommen.

      Ich drücke dir die Daumen, dass du deinen mentalen Stein im Weg findest und entweder aus dem Weg schaffst oder einen neuen Weg findest. Was auch immer du tust, ich wünsche dir alles Gute!

      Liebe Grüße aus Waterloo,
      Stephanie

      Gefällt mir

  3. Chris schreibt:

    Haha, das mit dem Kauf von Druckern… da hat mir damals unser Marketing Professor die Augen geoeffnet… Buyers Regrett, does that ring a bell? Seitdem kaufe ich Dinge ganz oft bewusst ohne mich zu informieren aus dem Bauch heraus. Dadurch spare ich mir den Stress davor und den Aerger danach!!! Das geht natuerlich nicht fuer alles (Ein Haus wuerde ich mir jetzt nicht so kaufen wollen), aber mit einem gesunden Grundwissen geht das vorzueglich fuer PC, Handy, Auto, Motorrad, Yacht, Flugzeugtraeger und Raumstation!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s