Die Geschichte vom Schwein

Sich selbst etwas gutes tun – in der Theorie klingt das einfach. Bei der Umsetzung haben die meisten Menschen jedoch Probleme. Sie nehmen sich vor, mehr Yoga zu machen oder zu meditieren oder weniger zu arbeiten, schaffen es jedoch einfach nicht. Ich habe dieses Problem selbst, da ich ein Perfektionist bin. Ich möchte an der Uni in jedem Fach am besten eine 0,9 bekommen und bin auch bereit entsprechend viel dafür zu arbeiten. Dabei kommt die Entspannung und Erholung häufig zu kurz. Doch warum ist das so? Warum haben wir solche Schwierigkeiten damit, liebevoll mit uns selbst umzugehen? Und wie können wir es schaffen, selbstfürsorglich zu sein?

Selbstfürsorge

Was ist Selbstfürsorge eigentlich? Laut Duden ist Fürsorge eine „tätige Bemühung um jemanden, der ihrer bedarf“. Selbstfürsorge ist dementsprechend die tätige Bemühung um uns selbst (da wir dieser bedürfen). Es geht also darum, uns um uns selbst zu bemühen und nicht nur um die anderen. Sicher kennst du auch das Sprichwort

Wer es allen Recht machen will, kommt selbst am schlechtesten dabei weg.

Das ist zwar sehr hart ausgedrückt, aber dennoch wahr. Ich möchte hier nicht sagen, dass wir egoistisch sein und uns nur um uns selbst sorgen sollen – auf keinen Fall! Ich bin jedoch der Meinung, dass jeder seine Grenzen kennen und klar äußern sollte. Das ist Selbstfürsorge. Eine Grenze kann sich dabei auf viele Bereiche beziehen:

  • Familie
  • Partnerschaft
  • Freunde und Bekanntschaften
  • Arbeit
  • Freizeit

Grenzen setzen bedeutet NEIN sagen, uns zwar zu Dingen, die man nicht möchte. Das können beispielsweise Überstunden auf Arbeit, ein Gefallen für Oma oder Sex mit dem Partner sein, wenn man spürt, dass man das nicht möchte. Ich würde von meinem Partner lieber eine ehrliche Abfuhr bekommen als halbherzigen Sex (auch wenn das wahrscheinlich nicht für den Arbeitgeber im Überstunden-Beispiel gilt 😉 ).

Das Soziometer

Warum fällt uns das Nein-sagen so schwer? Ich denke der wichtigste Grund ist, dass wir gemocht werden wollen. In meiner Vorlesung „Psychology of Evil“ (deutsch: „Psychologie des Bösen“) habe ich das Konzept des „sociometer“ (deutsch: „Soziometer“) kennen gelernt. Es misst, wie gut wir mit anderen Menschen auskommen und gibt uns Feedback darüber, wie gut wir uns in die „Herde“ einfügen. Jeder ist daran interessiert, eine „gute“ Soziometer-Bewertung zu bekommen, da wir nun einmal soziale Lebewesen sind, die auf die Beziehung und den Kontakt mit anderen Menschen angewiesen sind. Eine „schlechte“ Soziometer-Bewertung hieße, dass niemand etwas mit uns zu tun haben möchte und das hätte evolutionär gesehen fast unseren sicheren Tod bedeutet.

Im Grunde genommen ist es also die Angst vor dem Verlust einer Bindung zu einer anderen Person, denn wir wissen, dass wir auf andere Menschen angewiesen sind. Alleine würden wir auch in der heutigen Zeit nicht überleben. Du glaubst das nicht? Dann zeige mir mal, wie du ohne Hilfe anderer jagen, kochen und Kinder bekommen willst! 😉

„Ja“ sagen und „Nein“ meinen macht unzufrieden!

Die Bedürfnisse anderer wichtiger zu nehmen als die eigenen hat schwerwiegende Folgen:

  • Man ist abhängig von den Wünschen (und Launen) anderer.
  • Die eigenen Bedürfnisse werden nicht erfüllt, Man ist unzufrieden.
  • Andere Menschen sind mehr wert als man selbst, der Selbstwert sinkt.

Unser Versuch, die Welt um uns herum zu kontrollieren schlägt also fehl, denn es ist eher so, dass unsere Umwelt uns kontrolliert.

Und was hat das nun alles mit Schweinen zu tun?

Ich habe eingangs erwähnt, dass ich Schwierigkeiten damit habe, mir selbst etwas Gutes zu tun. Im Rahmen meiner Verhaltenstherapie habe ich eine gute Möglichkeit gelernt, mich zu achtsamen Verhalten zu motivieren: Immer, wenn ich mir selbst etwas Gutes tue, werfe ich einen kleinen Betrag in mein Sparschwein. Wenn ich es beispielsweise geschafft habe, auf Grund des Weckerklingelns nach zweistündigem Arbeiten für die Uni meine Ordner wegzulegen und den Computer auszuschalten, werfe ich einen oder zwei Euro in mein Schwein. Wenn ich einen Nachmittag in die Sauna fahre anstatt die Wohnung zu putzen, gibt es einen weiteren Euro. Wenn ich mit einer Freundin einen Kaffee trinke, freut sich mein Schwein über einen weiteren Euro. Wenn ich im Restaurant einen Hamburger mit Pommes an Stelle eines gemischten Salats bestelle und somit den in meiner Magersucht begründeten Gedanken nicht nachgeb, gibt es gleich fünf Euro. Wenn ich einen Nachmittag auf der Couch verbringe, anstatt ins Fitnessstudio zu gehen, weil ich noch Muskelkater vom letzten Workout habe, gibt es mindestens zwei Euro, usw.

Es ist unglaublich, wie schnell das Schwein dicker und fetter wird, wenn man achtsam mit sich ist! Der Trick ist die Aufmerksamkeit, denn nur wenn man sich bewusst für selbstfürsorgliche Aktivitäten entscheidet, kann man Geld in das Schwein werfen (ansonsten fällt es einem ja auch nicht auf!). Und das Ganze hat übrigens zwei Vorteile:

  1. Man tut sich etwas Gutes.
  2. Von dem gesparten Geld kann man sich wieder etwas Gutes tun oder etwas schönes kaufen.

Es ist übrigens nicht nur motivierend, sich sofort für selbstfürsorgliches Verhalten zu belohnen, sondern auch die Aussicht auf das Einlösen des im Schwein befindlichen Gelds. Es ist daher sinnvoll, sich vorher schon zu überlegen, worauf man spart – Vorfreude ist bekanntermaßen die schönste Freude (und Motivation zugleich)!

Desweiteren solltest du darauf achten, dass die Belohnung, also das Füttern den Schweins, zeitnah erfolgt. Es hat keinen Effekt, wenn du heute zwei Euro in dein Schwein wirfst, weil du vor zwei Wochen mal in der Sauna warst!

Das Prinzip nennt man übrigens klassische Konditionierung – benannt nach dem russichen Neurologen Iwan Petrowitsch Pawlow. Bereits 1905 entdeckte er, dass bestimmte Körperprozesse oder Verhaltensweisen durch eine zeitliche Kopplung an Reize ausgelöst werden können. Sein Experiment ist unter dem Namen „Der Pawlow’sche Hund“ bekannt. Bevor er seinem Hund sein Futter gab, läutete er eine Glocke. Vor der Konditionierung reagierte der Hund nicht auf den Glockenton. Nachdem er jedoch regelmäßig vor der Futtergabe die Glocke hörte, reagierte der Hund nicht nur auf das Futter selbst mit vermehrtem Speichelfluss, sondern auch auf den Glockenton allein (unabhängig vom Futter).

Unsere „Schweine-Methode“ funktioniert dabei genau umgekehrt: Wir lernen nach und nach, dass ein selbstfürsorgliches Verhalten eine Belohnung mit sich bringt. Und da wir Belohnungen toll finden 😉 und mehr davon wollen, werden wir ganz uns von allein selbstfürsorglich verhalten. Ist Psychologie nicht toll? 🙂

Wie immer bin ich natürlich an deiner Meinung interessiert. Welche Erfahrungen hast du mit selbstfürsorglichem Verhalten, Grenzen setzen und Nein sagen gemacht? Hast du schon einmal die klassische Konditionierung angewendet – vielleicht sogar unbewusst? Ich bin gespannt auf deinen Kommentar!

Mein Sparschwein

P.S. Im Bild siehst du mein Sparschwein. Es ist ursprünglich weiß und zum Anmalen gedacht. Ich habe es in meinen Lieblingsfarben angemalt. Die Kombination der Farben rot, gelb, grün und blau hat mir schon immer gefallen und steht für mich für Freiheit.

Quellen

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